Okt 11

Das Leistungsprinzip

Tag: Allgemein,ComunioChris @ 13:14

Aufgrund der Zeitverschiebung gegenüber Moskau ließen sich Abendgestaltung und TV-Fußball zur Abwechslung mal gut verbinden. Somit bot sich die Gelegenheit, der deutschen Fußballnationalmannschaft mal wieder bei ihren Taten zuzusehen. WM-Qualifikation, Auswärtsspiel in Russland. Erster gegen Zweiter, ein Punkt Abstand, vorletzter Spieltag. Wie gemalt für dramatische mediale Zuspitzung: Ein echtes “Endspiel” um die Qualifikation. So weit, so Fußballherz. Dazu noch Nebenkriegsschauplätze um Nachteil Kunstrasen (= Grätschen mit Brandwunden), Putin und Medwedew mit Russland-Schals in der Loge und Erinnerungen in der Presse an den “Tag des Sieges” (über Deutschland 1945). So weit, so Zoon Politikon.

Darum soll es hier aber nicht gehen, schließlich wird das ja mehr und mehr zum Comunio-Blog im Zeichen des großen AS Chablis. Die “Weinerlichen” waren immerhin auch auf dem Platz vertreten: Heiko Westermann verrichtete seine Arbeit als Innenverteidiger meist gut, manchmal zum Haareraufen. So wie seine Saison eben bisher auch läuft. Doch in der Nationalelf seit der Event-Ägide eines Klinsmann (“Jeden Tag ein bißchen besser!”) regieren ja reine Leistungskriterien.

Doch manchmal verstehe ich diese “Leistungs”kriterien der Nationalmannschaft nicht. Prinzipiell soll also erstmals oder wieder nominiert werden, wer im Vereinszusammenhang “Leistung” erbringt. Wer schon Nationalspieler ist, bei dem kommt auch die Leistung im nationalen Trikot mit in die Wertung. So weit, so verständlich. Dann gibt es noch disziplinarische Nebenkriegsschauplätze (Abhau-Kuranyi, Medien-Frings, Ohrfeigen-Poldi), die leistungsmindernd…ähh…nominierungshemmend wirken können. So weit, so auch noch irgendwie nachvollziehbar.

Doch am schönsten ist doch die Einzelfallstudie: Ein Jeróme Boateng spielt eine herausragende U21-Europameisterschaft und auch in der Bundesliga beim Hamburger Sportverein durchaus überdurchschnittlich als Innenverteidiger. Dann macht er noch ein mehr oder minder gurkiges Spiel als defensiver Mittelfeldspieler und spielt eine wirklich überragende Halbzeit als Außenverteidiger gegen den FC Bayern München, wo er dem durchaus mit Weltklasse assoziierten Franck Ribery den Zahn zieht und zu einer lustlos kickenden Diva degradiert. Der junge Herr Boateng ist also durchaus zu guten Leistungen fähig, den Nachweis erbringt er aber erst seit dieser Saison und das zu 90% auf der Position des Innenverteidigers.

Nun ein kleiner Schwenk auf den gestrigen Abend. Aufstellung Deutschland: Boateng als Außenverteidiger, ganz klar gegen den – durchaus mit Weltklasse assoziierten – Andrei Arshawin gerichtet. …und glänzt mit unterirdischem Stellungsspiel, wird aber in der Pause trotz gelb und klaren Mängeln in der Defensive nicht rausgenommen obwohl man mit Beck durchaus genauso schlechten/guten Ersatz hätte. Und ein Stefan Kießling ist trotz Führung in der Torjägerliste nicht einmal im Kader, von erster Elf wollen wir ja gar nicht reden. Dafür sitzt die ganze formlose Schwabenfraktion (Cacau, Hitzlsperger, Khedira) auf der Bank und umgibt unseren Bundesschwaben mit vertrautem Dialekt. Trainiert da jemand die schwäbisch-badische Nationalelf? War uns ein Bundestrainer Klinsmann in Kalifornien noch zu weit weg, wohnt uns dieser dann jetzt deutlich zu nah in einer Gegend?

Nicht dass ich was dagegen hätte, dass meine Jungs zuhause trainieren und so weniger verletzungsgefährdet sind. Ich verstehe nur die Logik dahinter nicht, wenn bei dem einen (Boateng) eine klasse U21-EM und eine gute Saison vorwiegend als INNENverteidiger für die Stammelf reichen, beim anderen (Kießling) eine bärenstarke Quote aber nichtmal für eine Nominierung. Mit der hanebüchenen Begründung der nicht nachgewiesenen Konstanz. Führt zweierlei bis vielerlei Maß zu Maßlosigkeit?

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