Jul 10 2007

Madness? This is Antike!

Tag: Allgemein,Film, Funk & FernsehenChris @ 02:35

Die Antike und du

Ich liebe Sandalenfilme. Schon in meiner Kindheit schaute ich mir gern die italienischen Filme mit Steeve Reeves an, deren Titel – egal ob deutsch oder italienisch, so klingts nur schöner und wirkt angeberischer kosmopolitischer – immer mindestens eines der Worte Gladiator, Legion(är), Aufstand, Sklave und Rom enthielten, manchmal auch mehrere, niemals alle:

Il Crollo di Roma
Il Gladiatore di Roma
La Rivolta dei gladiatori
Le Legioni di Cleopatra
Nel segno di Roma
La rivolta degli schiavi
Goliath e la schiava ribelle
La vendetta dei gladiatori
I giganti di Roma
Il magnifico gladiatore
Ercole contre Roma
I due gladiatori
Maciste, gladiatore di Sparta
Il Gladiatore che sfidò l’impero
Il ritorno del gladiatore più forte del mondo

Das absolute Highlight in dieser Reihe natürlich: Vampire gegen Herakles. Der Vollständigkeit halber erwähnt, weil der Filmtitel einfach sensationell gut ist und tiefes Verständnis für die antike Mythologie offenbart. Letztlich lernt man in diesen Filmen mehr über die europäischen Moralvorstellungen der 50er Jahre als über die Antike selbst.

Schnell wird aber auch nach dieser Einführung klar, warum “Gladiator” von Ridley Scott in der Tradition der italienischen Sandalenfilme der 60er steht:

“Der Legionär, der ein Sklave wurde. Der Sklave, der ein Gladiator wurde. Der Gladiator, der einen Aufstand gegen den Cäsar von Rom anzettelt.”

Alle Schlüsselworte finden Verwendung. Genial!

Von Bens Vaden bis zu Cleopartakiden

Qualitativ eine andere Liga als die Italo-Sandalen sind natürlich die Hollywood-Epen der 50er und 60er wie “Spartacus”, “Cleopatra”, “Quo Vadis” und “Ben Hur”; wobei mir schon als Kind der oftmals recht deutliche Transport christlicher Mythen als unangenehm aufdringlich erschien. So geht es, wenn man in einem eher atheistischen Haushalt aufwächst. Asche in Kreuzform ans elterliche Haupt! Also, ich fand Jesus in “Ben Hur” doof, weil der die Zeit zwischen Wagenrennen und den Galeerenschlachten so lang machte, wurde ein Fan von Belisar in “Kampf um Rom” und lief als griechischer Hoplit durchs heimatliche Dorf nach Konsum des 300-Vorgängers “Der Löwe von Sparta”.

Helden der Römerstraße

Mein heimlicher Held war natürlich immer Hannibal (Nein nicht der mit den gesellschaftlich wenig akzeptieren Essgewohnheiten, sondern der Karthager), den ich über einen Donald-Duck-Kalender als “Hanniduck” kennenlernte, der sich selbst aus Frust – seine Elefanten passten nicht durchs Stadttor Roms – das Leben nahm laut Kalenderblattbeschreibung. Letztlich um mich geschehen war es dann mit dem “Hannibal”-Roman des Bonner Schriftsteller Gisbert Haefs, den ich inzwischen durch das Studium auch persönlich kennenlernen durfte und dessen andere Romane zum Thema Antike ich auch wärmstens empfehlen kann. Seitdem bin ich ein Fan von Antikedarstellungen in Bild, Ton und Schrift. Seit diesem Buch war auch klar, dass ich Antike (d.h. Alte Geschichte) studieren werde. Und seit dieses Studium läuft, habe ich die klassischen Schwierigkeiten, die man als Fan von Popkultur hat, dem eine wissenschaftliche Rezeption beigebracht wird: Es ist alles historisch unkorrekt, vereinfacht wiedergegeben, insgesamt hanebüchen und einfach lächerlich, was Filmemacher da aus antiken Mythen und Fakten stricken. Gleichzeitig muss man sich gegenüber Professoren und Kommillitonen dafür rechtfertigen, mit glänzenden Augen in Kino oder vor TV das Karnevalsaufgebot hollywoodscher Antikedarstellungen zu konsumieren und es sich dabei höchst unwissenschaftlich gutgehen zu lassen.

Rom und die letzte Legion

Aktuell gibt es dann wieder zwei Beispiele für Antikeverfilmungen und ich möchte dann hier doch eine Empfehlung und eine Warnung aussprechen. Die HBO-Serie Rom”, die jetzt auch im Free-TV bei RTL2 angelaufen ist mit der ersten von zwölf Folgen und den Tobis-Film “Die letzte Legion”, der uns im August im Kino beehren wird.

“Rom” versucht sich an einer verdichteten Wiedergabe der letzten Zuckungen der römischen Republik und der Machtübernahme Iulius Caesars (ca. 50 v. Chr.) als eine Mischung aus “Desperate Housewives”, “Dallas” und Shakespeare. HBO-Eigenwerbung:

An intimate drama of love and betrayal, masters and slaves, and husbands and wives, ‘Rome’ chronicles the epic times that saw the fall of a Republic and the creation of an empire.

Eine Mischung, die sensationell gut funktioniert und erstaunlich korrekt das Leben der “kleinen” Leute des antiken Rom wiedergibt, so wie die Geschichtswissenschaft sich das aktuell vorstellt. Weniger akkurat geht es bei den historisch verbürgten “großen” Persönlichkeiten zu, die als politische Akteure auftreten. Das beginnt bei falschem Alter über komplett falsche Handlungen bis zu völlig verfehlter Charakterdarstellung. Letztlich kann man dies aber mit der notwendigen “Dramatisierung” erklären, um sie besser in die Handlung einzupassen. So werden die Konfliktlinien zwischen Patriziern und Plebejern, die Macht, die die Feldherren und Provinzstatthalter der Spätrepublik erlangen konnten und die ständig drohende Gefahr des Bürgerkriegs auch für den Laien verständlicher. Künstlerische Freiheit eben. Genial ist es von der Serie, die beiden historisch in Caesars “de bello gallico” verbürgten Centurionen Titus Pullo und Lucius Vorenus der XIII. Legion als handlungstragende Hauptfiguren einzusetzen. Das ist nicht nur oft komisch und hintersinnig sondern einfach wundervoll mitanzusehen, da man sich mit den Beiden deutlich angenehmer indentifizieren kann als mit den hochwohlgeborenen Patriziern oder Senatoren plebejischer Abstammung. Es wäre aber sehr langweilig, zwei Staffeln lang nur das private Treiben zweier Plebejer, eines konservativen Centurionen Vorenus und eines gegenüber der Historie zum Legionär degradierten Säufers und Weiberhelden Pullo, zu verfolgen, die im zivilen Leben versuchen anzukommen.Also laufen die beiden den Mächtigen und den Geschehnissen immer wieder über den Weg als Helfershelfer, Störenfriede oder einfach nur durch (unglücklichen) Zufall und beeinflussen so die Geschehnisse oft entscheidend (Folge 2: “How Titus Pullo brought down the Republic”), während sie eigentlich nur ihr eigenes verkorkstes Leben in den Griff kriegen wollen.

Doppelmoral und Dekadenz und vor allem auch das tägliche Leben bzw. die Hoffnungen und Wünsche des “einfachen” Volkes der damaligen Zeit werden also deutlich. Die politische Kultur wirkt dabei erstaunlich modern vertraut in der Darstellung als “schmutziges Geschäft”, das über Leichen geht. Man sieht dazu eine dreckige mit anzüglichen Graffiti vollgeschmierte Stadt Rom, die zu dieser Zeit vermutlich 500.000 Menschen beherbergte, in der Gewalt an der Tagesordnung war und die noch völlig unbeleckt von christlichen Einflüssen war, da ein gewisser Jesus ja erst noch sexfrei zu empfangen sein wird. Die Abwesenheit der christlichen Moralvorstellung wirkt dabei am Befremdlichsten, da man bei den von mir oben genannten früheren Antikeverfilmungen oft eine zwar prächristliche Welt darstellte, dabei aber das christliche Ideal der Nächstenliebe und Selbstaufopferung für das Hohe und Gute letztlich immer einen zumindest moralischen Sieg davontrug. Nicht so bei Rom. Die Darstellungen von Sex und Gewalt sind für FSK 16 teils explizit, historisch korrekt ist das nicht immer, denn die Patrizier waren wohl eher prüde und keine Nymphomanen wie Marcus Antonius oder Atia von den Iuliern in der Serie. Doch mir gefällt es so ganz gut, denn die Kultur wirkt dadurch nicht so romantisch verklärt sondern handfest barbarisch und dabei dennoch zivilisatorisch auf einem hohen Level.

Für mich eine der besten Antikedarstellungen, die es bisher gab. Absolut sehenswert, bildgewaltig, sexy, obszön, düster, blutig und viele andere Adjektive, die jeder sich im Wörterbuch seines Vertrauens selbst raussuchen mag. Wer also eine 54-minütige Folge mit einer Stunde Werbepausen auf RTL2 erträgt, dem sei jeden Sonntag dazu geraten.

“Die letzte Legion” dagegen geht einen ähnlichen Weg wie 2004 “King Arthur” von Fuqua. Dort wurde die vorwiegend bei US-Historikern beliebte These, der – historisch belegte – römische Reiteroffizier Arturius Castus sei die reale Grundlage des mythischen König Artus, der beim Zusammenbruch des weströmischen Reiches unter der Völkerwanderung und dem Hunnenbesuch dann eine autonome Machtbasis in Britannien schafft, inklusive mythischem Drachenmesser aka Excalibur und Kavallerie am runden Tisch. Eine erfrischende Neudeutung des Mythos, was allein den Film schon sehenswert machte nach den unzähligen Lancelot-knallt-die-Alte-vom-Chefartus-Ritterfestspielen in den vorvergangenen Jahrzehnten. “Die letzte Legion” macht es also ähnlich: Sohn des Kaisers (Thomas Sangster) und somit Erbe des Throns des Weströmischen Reichs wird zusammen mit seinem Lehrer Sir Ben Kingsley von Barbaren geklaut. Colin Firth als Anführer der römischen Leibgarde folgt ihm zwecks Befreiung mit den resten der römischen Armee. Im Zuge der Völkerwanderung wäre eine Rückkehr nach Rom sozusagen barbarisch und man zieht ins bekanntlich im 5. Jahrhundert zivilisiertere Britannien, wo sich die angeblich letzte Legion aufhält inklusive mythischen Schwerts und neuer westeuropäischer Zivilisationszukunft. Dazu ein glutäugiger begabter weiblicher Nebenpart als Aktivschmuck mit Aishwarya Rai, einer mir naheliegendeweise völlig unbekannten “Bollywood-Queen” und fertig ist der Abenteuerfilm im historischen Gewand. Wo sich “King Arthur” beim historischen Rahmen noch Minimalmühe gab (mal von Til Schweiger als ungewaschenem Häuptlingssohn abgesehen), scheint “Die letzte Legion” wirklich eher an Filme wie “The Scorpion King” angelehnt und einfach einen Mythos im Märchengewand erzählen zu wollen. Macht man sich das vorher klar, kann das funktionieren, weil die Darsteller durchaus Qualität haben und somit ein zu erwartendes tumbes Drehbuch mit einfältigen pathetischen Zeilen ansatzweise zu retten vermögen, wer weiß. Erwartet man römische Legionen in Aktion im historischen Rahmen der Spätantike mit mittelalterlichen Anwandlungen und dem Überlebenskampf des Weströmischen Reiches, wird man zweifellos enttäuscht werden. Mit dem Titel wird der Film nicht viel zu tun haben, wenn nicht alle Trailer täuschen. Angschaut wird er trotzdem, denn wie oben erwähnt: “Vampire gegen Herakles” habe ich mir ja auch angeschaut…und schlimmer kann es eigentlich nicht werden.