Hallo geneigter geduldiger Leser,
nach langer Zeit mal wieder ein neuer Text, der aus zwei Episoden meiner von mir so getauften “wöchentlichen fünf Minuten” entstanden ist. Ich penetriere zum Leidwesen einiger und zur Unterhaltung anderer von Zeit zu Zeit noch das gute alte Blackmoore-Forum, wo sich die selbstgefühlte PvP- und ehemalige Raidelite im eigenen Saft das Handtuch reicht, um sich gegenseitig abzuschrubben, bis alle lila anlaufen. Doch worum ging es? Genau, meine üblichen Wehklagen zum Thema: Früher hat das Hobby mehr Spaß gemacht! Früher waren hier viel mehr phantasievolle Leute mit Humor unterwegs! Früher konnte ein Kind in Undercity noch über die blubbernde grüne Masse laufen, ohne von hüpfenden Leertastenquälern in den Wahnsinn getrieben zu werden! usw. usf. Ich heule im klassischen Sinne, ohne dass es als Heulerei erkannt wird. Auch ein Talent. Vielen Dank dem Schöpfer dafür. Also rein ins feuchte Nass:
Irgendwann änderte sich World of Warcraft vom Miteinander zum Gegeneinander (und damit meine ich nicht PvP sondern diese “competition” in jedem Spielbereich: “ich hab, ich kann, ich muss, ich will”). Ich z.B. “will” es nicht negieren, dass der Wettbewerb und Vergleich mit anderen Spaß macht, dennoch geht mir die fehlende Balance mit dem Miteinander gehörig auf den Keks.
Haben wir diese Powergamer-Mentalität vom Shooter- und Diablo2-Publikum importiert, die nie einen Pen&Paper-Bogen in der Hand hatten oder warum ist die Mehrheit in meinem mittlerweile Ex-Hobby, das ich nicht mehr spiele von dem ich mich gedanklich immer noch nicht so ganz trennen mag, so trainiert?
Anklage:
Ich klage jeden Powergamer an, mich in Chats, in Foren und teils im sogenannten richtigen Leben mutwillig und ungefragt mit PG kontaminiert zu haben. Das PGtum wurde nicht ausreichend gesichert und mit Warnschildern versehen. Ich bin PG-geschädigt für alle Zeit wie ich in allen anderen MMOG merke, die ich seit April 2007 (Löschmonat von Conina Pfirsich) versucht habe:
- Mir ist der Spielspaß und damit das Hobby World of Warcraft und MMOG insgesamt geraubt.
- Mir ist die Freude, mich auf das Unbekannte einzulassen und das Abenteuer zu nehmen wie es kommt geraubt.
- Ich muss alles wissen, meinen Charakter immer optimieren und kann Schwächen nicht akzeptieren, sondern sehe sie als “unbalanciert”, wenn sie meinen Charakter betreffen und als Geheule, wenn sie meine “Gegner” (= alle anderen) betreffen.
- Ich fasele von Steinen, Scheren und Papier, ohne überhaupt basteln zu können.
- Mir ist die Fähigkeit geraubt, meinen Charakter als Charakter oder Teil einer interaktiven Romanhandlung zu verstehen. Für mich ist er ein Sportgerät wie ein Tennisschläger.
- Mir ist die Fähigkeit, offen auf Mitspieler zuzugehen geraubt, da ich nur das Schlimmste von ihnen erwarte und nur nach Anzeichen von spielerischen Schwächen bei jedem, der mir begegnet oder Gruppen bilden will, suche.
- Mir ist die Fähigkeit, offen auf Mitspieler zuzugehen geraubt, da ich jeden mir unbekannten Spieler eher als Konkurrenz um Gegenstände, Questgegner, Bekanntheitsgrad auf dem Server usw. empfinde und nicht als Interaktionspartner für ein gemeinsames Erlebnis.
- Mir ist die Fähigkeit, vorurteilsfrei mit Intensivspielern dieses Hobby umzugehen, da ich davon ausgehe, dass sie breit mehrheitlich ihre Mitspieler nach solchen Kriterien bewerten wie Hummi hier.
Damit schließt sich der Kreis und ich bin dort angekommen, wo ich nie hinwollte. Der Kampf gegen die Windmühlen ist mit Einführung lilaner Mühlenflügel aus Khorium als gescheitert zu betrachten; um es mit Olli Dittrich bei “Spocht” zu sagen:
“Die Kölner Haie haben die Sesamstrafe beantragt wegen Grobis Foul!”
Ich hasse alle, die sich angesprochen fühlen dafür auf immerdar. Denn das Spiel hat so viel Spaß gemacht, bis ihr hier die Mehrheitsmeinung wurdet und das Spiel mit eurer Sprache, eurer Spiel”kultur” und euren Dogmen infiziertet. Das Ganze scheint eine Immunschwächekrankheit zu sein und ich kenne kein Gegenmittel. Für Ratschläge zur Behandlung und Vorschläge zum Strafmaß bin ich dankbar.
Jeder soll natürlich so spielen wie es ihm Spaß macht…ich fühle mich persönlich einfach auf der Verliererseite der Communityentwicklung: Immer mehr OloloroflBämCrit-Spieler scheinen sich karnickelgleich zu vermehren (das muss – dem Klischee entsprechend – in den ganzen Kellern mit Zellteilung laufen; für Sex, Schwangerschaft und Co. hat man doch in diesen Kreisen gar keine Zeit), während die ehemaligen Weggefährten mit Zeit, Phantasie und Sinn für Spiel (sic!) der Welt mehr und mehr den Rücken zu kehren scheinen. Nun bin ich ingame nur noch sporadisch anwesend und kann das also nur über Forum und Zeitzeugenberichte beurteilen…doch irgendwie erscheint es mir, als habe das Spiel seinen kulturellen Höhepunkt überschritten (vgl. Römisches Reich). Werbung mit abgehalfterten Schauspielern der 80er, was sollen denn da bitte für neue Zockerschichten erreicht werden? 30+? Kriegen die denn nie den Hals voll? *kopfschüttel*
Naja, langsam komme ich mir hier bei meinen Ergüssen zum Thema “Rollenspiel mit Humor” vor wie Opi, der vom Krieg erzählt, Udo Lattek im DSF-Doppelpass und Helmut Kohl beim Versuch, sich an die Spendernamen zu erinnern, in einer Person. Es war ja nicht alles besser “früher” vor zwei Jahren.
Auch wenn ich mir unter PvP sicher nicht vorgestellt habe, von zwei untoten Schurken damals sieben Stunden lang im Un’Goro-Krater ca. 43x getötet zu werden, gehöre ich nicht zur Klageabteilung, genausowenig wie zur “ich-hole-meine-Brüder”-Fraktion. Aber wir hatten damals in unserer WG die Packung von WoW frisch in der Hand…da stehen so Sachen drauf wie:
“Zeppeline über rauchenden Schlachtfeldern, gewaltige Schlachten. [...] Das Wort “episch” wird für Sie eine neue Dimension annehmen.”
Zweiteres kann ich ja nur als selbstironische Voraussicht auf die Gier nach lilanen Gegenständen deuten. Auf Ersteres warten wir seit Beginn des Spiels…DAoC-Spieler werden eher wissen, was mit gewaltigen Schlachten gemeint sein könnte…die Arena und der ganze Pippifax für Leute mit zu viel Freizeit ist es jedenfalls nicht! Das ändert sich auch nicht dadurch, dass man es als Neuling im Genre und “Ausschließlich-WoW-MMOGler” “Über-den-Tellerrand-guck-Vermeider” eben nicht besser weiß und meint, man würde Counterstrike eben auch mit Schwertern spielen können…die epische (!) Dimension und Faszination z.B. einer Burgbelagerung mit mehreren hundert Beteiligten erreicht der WoWsche Mannschaftssport eben nicht. Es macht sicher auch Spaß…aber das kann doch nicht alles an Angebot sein seitens Blizzard! Teil einer ganzen kämpfenden Armee zu sein, die Geschicke einer Fantasy-Welt so als kleines Rädchen mitzubestimmen in einem dauernden Ringen zwischen sich in Kultur und Design stark unterscheidenden Reichen…solche Bilder spielten sich eben beim Lesen der WoW-Verpackung und dem Aussuchen von PvP- statt RP-Servern in unseren Köpfen ab…und enttäuschte Erwartung ist ja bekanntlich die bitterste Liebe, speziell wenn sie so eine große Liebe war wie hier.
Vielleicht erreicht ja Age of Conan im Punkte epischer Schlachten mal Versprochenes. Damit wäre man ja schon zufrieden: Einhalten von angekündigten Funktionen in bugfreierarmer und erweiterbarer Umgebung.
Hochachtungsvoll
Conina “mach kaputt, was dich kaputt macht” Pfirsich